Praktisches Vorgehen bei der Diagnostik

Allgemeine Hinweise zur Diagnostik

Diese Darstellung orientiert sich an Döpfner, Lemkuhl, Heubrock und Petermann (2000) sowie an Knölker, Mattejat und Schulte-Markwort (2000).

  • Döpfner, M., Lemkuhl, G., Heubrock, D., Petermann, F. (2000). Diagnostik psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter. Göttingen: Hogrefe.
  • Knölker, U., Mattejat, F., Schulte-Markwort, M. (2000). Kinder- und Jugendpsychiatrie und – psychotherapie systematisch. Bremen: UNI-MED.

Vorgehen bei der Diagnostik:

a) Voraussetzungen für die psychologische Diagnostik

Psychologische Untersuchungen sollen ausschließlich von erfahrenen klinischen Psychologen durchgeführt werden.

Zu einer qualifizierten Psychodiagnostik gehört:

  • die Auswahl der geeigneten Untersuchungsverfahren
  • die sachgemäße Durchführung und Auswertung des Verfahren
  • die kritische Beurteilung der Untersuchungsergebnisse sowie ihre qualifizierte Interpretation

Hierfür sind die folgenden Voraussetzungen notwendig:

  • umfassende Kenntnis der psychologischen Untersuchungsverfahren
  • praktische Einarbeitung und umfassende persönliche Erfahrung des Diagnostikers in der Anwendung der Untersuchungsmethoden
  • umfassende Kenntnisse und praktische Erfahrungen in der Psychopathologie des Kindes- und Jugendalters (theoretische Konzepte, Erklärungsmodelle) und der möglichen Interventionsformen, als Voraussetzung für eine problemspezifisch und hypothesengeleitet betriebene Diagnostik
  • Soziale Kompetenz und Einfühlungsfähigkeit im Umgang mit Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern
  • Sensibilität für Fehlerquellen und subjektive Verzerrungen der diagnostischen Ergebnisse durch die eigene Person (Selbsterfahrung)
  • Realistische Einschätzung der Grenzen des eigenen Fachgebietes und Fähigkeit zur interdisziplinären Kooperation

b) Untersuchungszweck

Kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik soll psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen erkennen, ihre Ursachen und Bedingungszusammenhänge aufklären und Ansatzpunkte für die Therapie liefern. Bei der Diagnostik werden im Wesentlichen drei Aspekte unterschieden:

  • Statusdiagnostik (Beschreibung und Aufzeigen der aktuellen Situation),
  • Prozess- und Verlaufsdiagnostik (Charakterisierung des Verlaufs und der Veränderungen der Krankheit und des Verhaltens),
  • Diagnostik zur Evaluation von Interventionen (Beurteilung der therapeutischen Behandlung).

c) Bausteine der Diagnostik und eine typische Abfolge der einzelnen Schritte

Selbstverständlich gibt es bei der Diagnostik von verschiedenen Störungen Abweichungen. Allerdings lässt sich häufig eine ähnliche Reihenfolge der einzelnen Schritte erkennen, die im Folgenden aufgeführt wird:

Vor einem therapeutischen Setting erfolgt häufig ein telefonischer Erstkontakt mit den Eltern der betroffenen Kindern. Fragen nach Ort, Termin und der etwaigen Anwesenheit von verschiedenen Personen (ein Elternteil, beide Eltern, dem Kind,…) werden in dem ersten Telefongespräch genauso geklärt wie die Frage, was mitgebracht werden soll (z.B. Gutachten von Ärzten, Liste von Medikamenten). In einigen Kliniken ist es Usus, dass den Eltern bereits vor dem ersten Gespräch ein Fragebogen mit Fragen zu den wichtigsten Daten, Krankheiten und Problemen nach Hause geschickt wird, den sie dann ausgefüllt zum Erstgespräch mitbringen sollen.

Nach einigen einführenden Worten wird mit den Eltern eine Anamnese und anschließend mit dem Kind eine Exploration (plus Verhaltensbeobachtung) durchgeführt. Wichtig bei Gesprächen mit der Familie ist eine möglichst hohe Transparenz bei Fragen nach der Krankheit, nach den beteiligten Ärzten und Psychologen etc..

Mit Hilfe der Informationen aus der Anamnese und Exploration kann häufig schon eine Verdachtsdiagnose gestellt werden, die Hypothesen darüber zulässt, welche weiteren diagnostischen Verfahren in welchem Ausmaß sinnvoll sind.

Diese weiterführenden Instrumente können in drei Bereiche gegliedert werden:

  • körperliche Untersuchung
  • psychologische Untersuchung
  • Familien- und Umweltdiagnostik

Nach spätestens zwei bis drei Sitzungen à 1-3 Stunden sollte die Familie über die Ergebnisse informiert werden.


Die folgende Abbildung stellt die einzelnen diagnostischen Schritte im Überblick dar.

Grundbausteine der Diagnostik

Grundbausteine der Diagnostik

Abb.1: Knölker, Mattejat, Schulte-Markwort (2000)

In folgenden Büchern finden Sie kurze Beschreibungen unterschiedlicher diagnostischer Verfahren:

  • Amelang, M., Zielinski, W. (2002). Psychologische Diagnostik und Intervention. Berlin: Springer.
  • Weyer, G. (2005). Internationale Skalen für Psychiatrie. Collegium Internationale Psychiatrae Scalarum (Hrsg.). Kempten: Hogrefe.
  • Strauß, B., Schumacher, J. (Hrsg.). (2005). Klinische Interviews und Ratingskalen. Göttingen: Hogrefe.
  • Strauß, B., Schumacher, J. (Hrsg.). (2003). Diagnostische Verfahren in der Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe.
  • Westhoff, G. (Hrsg.). (1993). Handbuch psychosozialer Messinstrumente. Göttingen: Hogrefe.